








Der Sprung in den Glauben
Von der existenziellen Relevanz des Christentums
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Nichts steht uns näher als unsere Existenz. Doch gibt es Fremdheitserfahrungen, in denen wir einen Sprung machen müssen, um uns selbst nahezukommen. Ähnliches gilt für den christlichen Glauben, in dem Ahnung und Wissen, Vertrautheit und Sprung ins Fremde, Gottes- und Selbsterkenntnis einander finden. Ausgehend von lebensweltlichen Vorgängen und Erfahrungen wie Geburt, Fragilität und Erpressbarkeit des Menschen und Phänomenen wie Spiel, Charme, Humor, Liebe und der leiblichen Konkretheit entwickelt De Candia einen umfassenden theologischen Verständnishorizont, um Urthemen des Glaubens (Gottesbejahung, Erbsünde, Christologie, Gnade, Trinität, Auferstehung) als existenzrelevant zu erweisen. Die Lektüre ist eine Art Entdeckungsreise in die Landschaft des christlichen Lebens, die erfreuen soll und einen stimmigen Zugang zu diesem erschließen möchte. Gerade eine solch bescheidene Hermeneutik im Modus des „positiven Vielleicht“ soll die „Optionswürdigkeit“ des Christentums für heute plausibel erscheinen lassen.
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Der Titel wurde vom Sankt Michaelsbund und dem Borromäusverein asugezeichnet als "Das Religiöse Buch des Monats Juli 2023"
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Dass „der Glaube in der Welt von heute“ viele soziokulturelle und weltbildrelevante Stützen eingebüßt hat und sich angesichts von Religionskritik und existenziellem Zweifel ganz neu bewähren muss, hat schon Joseph Ratzinger vor über 50 Jahren im ersten Kapitel seiner „Einführung in das Christentum“ festgestellt – und im Anschluss daran eine bis heute faszinierende Auslegung des Glaubensbekenntnisses entfaltet.
Das neue Buch des in Rom in Fundamentaltheologie promovierten, in Münster in Philosophie habilitierten und derzeit an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie lehrenden Gianluca De Candia legt einen Vergleich mit Ratzingers Klassiker in mancher Hinsicht nahe – nicht nur wegen derselben Vorliebe für Metaphern wie den „Sprung“, der gleich in der Einleitung (7-21) in seiner existentiellen Tiefe ausgelotet wird, oder für Blaise Pascal, den Gottsucher mit „Herz“ und „Verstand“ (54-68), nicht nur wegen der fließenden Übergänge von philosophischen und theologischen Betrachtungen, die immer wieder zu unerwarteten Wendungen führen, sondern vor allem wegen der Sprache. De Candia, der seine Prägung durch Elmar Salmann, den Sprachmagier von San Anselmo, nicht verbirgt (vgl. 19, 124), schreibt voller Musikalität, umkreist einen Gedanken, indem er mehrere Varianten anbietet, spielt dem Leser immer wieder ein Wort zu, ehe er es näher definiert, und eröffnet so einen echten Dialog über das Mitgeteilte. Diese hohe Sensibilität für das Wort ist keine Frage des subjektiven Geschmacks, sondern ein reflektiertes Programm, wie der Autor ganz am Ende verrät: mithilfe „des dichterischen Wortes“, der poetischen Brechung glanzlos gewordener theologischer Fachbegriffe, soll „die verlorene Tiefe (der) Sprache wiederge(ge)ben“ werden (143).
Inhaltlich greift das Buch in lockerer Folge zentrale Themen des Menschseins auf und deutet sie im Licht des christlichen Glaubens: Geburt als Sich-gegeben-Sein, Anfangen-Können und Urvertrauen (23-32), Sünde als Selbstverfehlung, die alle mitmenschlichen Beziehungen belastet (33-45), Spiel, Freiheit und die Denk- und Hoffnungswürdigkeit des Gottes Jesu Christi (47-70), Gnade als Ausdruck des Lebensstils Jesu (71-79), Humor, Lachen und Ironie (80-103), Einheit und Verschiedenheit, Liebe und Wahrheit (105-125), Leiblichkeit und Auferstehung (127-134). Dieser Reigen wird abgeschlossen durch einen Ausblick unter der Überschrift „Engelsam“ (ein Bildtitel des Malers Paul Klee), der Engel als Boten der Transzendenz in einer scheinbar transzendenzlosen Moderne beschreibt, als stille Platzhalter des Unaussprechlichen und dennoch Ahnbaren, die eine wesentliche Dimension des Humanen bewahren, ohne die der Mensch aufhören würde, er selbst zu sein (135-143).
Der große Gedankenreichtum des kleinen Buches ist freilich nicht erkauft mit einem Verzicht an Tiefe und Klarheit. Im Grunde ziehen sich zwei Themenstränge wie rote Fäden durch das Werk, die dann auch noch erstaunlicherweise zusammenhängen: die Trinität als Urbild der Wirklichkeit, der Schöpfung insgesamt (52, 124 Anm.4), besonders aber des Menschen als geschaffenem Ebenbild (112), damit auch die Liebe als Inhalt und Medium der Selbstmitteilung Gottes (113-118) – und die gerade angesichts dieses selbstlos liebenden Gottes noch abgründigere Selbstverschließung des Menschen in der Sünde (39-45, 50, 56, 82). De Candia stellt unumwunden fest: „Heute (haben) viele ein Schuld-, aber nur wenige ein Sündenbewusstsein“ (43). Deswegen wird auch das Wesen der Sünde nicht mehr gesehen, bagatellisiert oder psychologisiert. Dabei wäre es durchaus möglich, „aus der Trinitätstheologie“ eine „Sündenphänomenologie“ abzuleiten (124 Anm.4), die nicht bei einer Ge- und Verbotsmoral stehenbliebe, sondern die Wurzeln der sündhaften Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer aufdecken könnte: die Überheblichkeit, die Langeweile, die Hysterie (eine typische Un-Tugend des virtuellen Zeitalters), die Idolatrie und die Lüge (118-125).
Dieser ungewohnte Zugang zum Thema Sünde über die Trinitätslehre ist nur eine von vielen Pointen, mit denen De Candia seine Leser überrascht; ähnliches ließe sich von seinen Ausführungen über den Charme Jesu sagen, die „souveräne Unbefangenheit“ (78), mit der Jesus sich Welt und Menschen näherte, oder über das heitere, liebevolle Lachen Gottes (100-103). Dem Autor gelingt es ähnlich wie Ratzinger in seiner „Einführung“, „Strukturen des Christlichen“ freizulegen, grundlegende Zusammenhänge zwischen Gott, Welt und Mensch so gewinnend darzustellen, dass es dem Leser vorkommt, als verstünde er sie zum ersten Mal.
Natürlich könnte man an manchen Stellen noch mehr differenzieren – etwa, wenn die Sünde des Menschen und die Menschwerdung Gottes so eng aufeinander bezogen werden, als wäre diese von jener abhängig (110) oder wenn „vielen Kirchenvätern“ eine pessimistische Anthropologie und Leibfeindlichkeit vorgeworfen wird (129). Aber auch da, wo man nicht zustimmt oder kritisch nachfragt, bleibt das Buch eine wertvolle Inspiration.
Letztlich geht es De Candia „um eine Mystagogie der Annäherung“ (14), um ein Aufschließen der Wirklichkeit mit dem Schlüssel des Glaubens, um den Aufweis der „Korrelation“ von Christentum und menschlicher Existenz: „Der christliche Gott entbindet die Möglichkeiten menschlichen Fühlens, Gestaltens und Denkens, sodass diese im Nachhinein Spiegelungen verborgener Transzendenz offenlegen mögen“ (11). Diese „Entbindung“ und Befreiung ist eben jener „Sprung“ über sich hinaus, zu dem der christliche Glaube den Menschen auch heute einlädt. Dass er sich lohnt, hat uns De Candia fulminant bewiesen.
Manuel Schlögl, in: Klerusblatt 10 / 2023, 238f.
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Wahrheit und Interpretation
von Luigi Pareyson
Übersetzt und mit einem Geleitwort und bibliographischen Hinweisen herausgegeben von Gianluca De Candia.
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Luigi Pareyson gehört zu den Begründern der modernen philosophischen Hermeneutik. Diese Ausgabe eröffnet erstmals in deutscher Übersetzung den Zugang zu seinem 1971 erschienenen Hauptwerk zur Philosophie der Interpretation, an dem er seit den 1940er Jahren intensiv arbeitete. Seine Kritik an allen wichtigen Strömungen des 20. Jahrhunderts (Existenzialismus, Marxismus, Psychoanalyse, Neopositivismus, Pragmatismus, Ideologie- wie Entmythologisierung, Traditionalismus) erweist sich immer noch als höchst aktuell. Alternativ zum heute dominierenden historistischen, pragmatistischen oder technikfixierten Denken besteht für ihn die Aufgabe der Philosophie darin, das Denken in seiner ursprünglich ontologischen Dimension zu fundieren und somit den Wahrheitsbegriff wieder ins Zentrum zu stellen. Dabei geht es nicht primär um ein analytisches Verständnis der Wahrheit, das diese lediglich auf der Ebene des Propositionalen gelten lässt, sondern um die Wahrheit als unerschöpfliche Offenbarkeit des Seins, die die Freiheit des Interpreten fördert und einfordert.
Diese Spannung zwischen Wahrheit und Interpretation motiviert Pareysons Plädoyer für eine pluralistische, aber nicht relativistische Konzeption der Wahrheit, die im geschichtlichen Ereignischarakter des Seins begründet ist und aufgrund seiner Einzigartigkeit und unendlichen Fruchtbarkeit sich nur in einer Vielzahl von Zugängen und Perspektiven erschließt.
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Vom Staunen der Vernunft
von Luigi Pareyson
Partiell übersetzt und mit einem Geleitwort und bibliographischen Hinweisen herausgegeben von Gianluca De Candia
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Luigi Pareyson ist bislang im deutschsprachigen Raum wenig bekannt, obwohl seine Werke in viele Sprachen übersetzt wurden, da er zweifellos neben H.-G. Gadamer und P. Ricoeur zu den Begründern der modernen philosophischen Hermeneutik gehört. Aufgrund seiner intellektuellen Vielfältigkeit hat er viele seiner Schüler, zu denen Umberto Eco und Gianni Vattimo gehören, inspiriert und ihnen ein breites Spektrum eröffnet, das von idealistischen Ansätzen über die Hermeneutik bis zur ästhetischen Theorie reicht. Der Band liefert eine vielfältige, zugleich aber in sich kohärente Skizze wichtiger Motive seiner Philosophie: die Hauptzüge seiner Fichte- und Schelling-Interpretation, die Grundlagen seiner ,,Ontologie der Freiheit“, seine philosophische Hermeneutik der religiösen Erfahrung, die Grundlinien seiner Ästhetik und schließlich Überlegungen, die die soziale Funktion betreffen, die der Philosophie zukäme. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle diese Beiträge eine intellektuelle Haltung des Staunens. Es ist die Haltung eines Nicht-völlständig-Begreifens angesichts des menschlichen Daseins und seiner Freiheit, des Bösen in der Geschichte, des Phänomens der überschwänglichen Schönheit, der Deutungskraft des Mythos, der unvermeidbaren Andersheit des Anderen und des Ichs selbst. Und es ist genau dieses Staunen, das die Menschen – seit den Anfängen bis heute – zum Philosophieren veranlasst. »Mit diesem Werk hat Gianluca De Candia seiner wertvollen Vermittlungsarbeit zwischen der italienischen und deutschen Philosophie einen weiteren Baustein hinzufügt.« (Gianni Vattimo)
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Der Anfang als Freiheit
Massimo Cacciari ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Philosophen Italiens. Dieses Buch ist die erste umfassende deutschsprachige Monographie zu seinem Denkweg. In Auseinandersetzung mit dem spekulativen Denken von Augustinus bis Schelling und dem christlichen Trinitäts- und Schöpfungsgedanken entwickelt er die kühne Idee eines Anfangs vor allem Anfangen – um der absoluten und gelösten Freiheit Gottes und der Menschen willen. Von da her kommt er zu überraschenden Einsichten in die theologisch-metaphysischen und politischen Gesetze der europäischen Kulturgeschichte, die einen kritischen Doppelblick auf das Woher und Wozu von Sein und Denken sowie eine theologische Relektüre klassischer Themen ermöglichen und erfordern.
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Rezensionen
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Massimo Cacciari ist in Italien berühmt, auch wegen seines politischen Engagements (3 Mal Venedigs Bürgermeister, Mitglied des Italienischen und des Europäischen Parlaments), kaum aber in Deutschland bekannt. Dieses Buch von Gianluca De Candia bricht das sprachlich bedingte Schweigen über Cacciari und über die italienische philosophische Landschaft und bietet eine fruchtbare Gelegenheit, die Beziehung zwischen Philosophie und Theologie ins Zentrum der Diskussion wieder zu führen (Cacciari ist Philosoph und Agnostiker, mit großem Interesse für die Religion; De Candia, Schüler von Salmann, ist katholischer Theologe).
Nach einem einleitenden Kapitel, in dem De Candia einen durchaus nützlichen genetisch-systematischen Überblick über die gesamte Produktion Massimo Cacciaris und über die methodologische Ausrichtung der Arbeit gibt, ist der erste Teil des Buches den Hauptwerken des italienischen Philosophen gewidmet. Der Begriff „Anfang“, wie schon im Titel angekündet, steht im Mittelpunkt der Analyse. Cacciari unternimmt den Versuch die Krise der Philosophie, der er seine ersten Werke gewidmet hatte, produktiv, und nicht dekonstruktiv, zu untersuchen (S. 37). Das Ende der Philosophie entpuppt sich als ein Abschied von der idealistischen Art, sich mit Widersprüchen zu versöhnen, eher als ein Abgang von der Theorie (S. 46). Ganz im Gegenteil sollte die Theorie sogar wagen, das Unaussprechliche (S. 51) und das Unsagbare als Teil des philosophischen Diskurses (S. 24) zu verstehen. In Della cosa ultima schreibt Cacciari: «Ein Diskurs soll zeigen, dass es unmöglich ist, >das< zu kommuniziere, was die schönste zu kommunizierende Sache überhaupt sein sollte» (S. 133). Ein Engel, der notwendige Engel (l’angelo necessario), beschützt diese Schwelle. Wie er schreibt: «Der Engel bezeugt das Mysterium als Mysterium. Er vermittelt das Unsichtbare als Unsichtbares, er >setz-über<, er >überträgt/übersetzt<, aber nichts für unsere Sinne. Er verkörpert die Gegenwart des Geheimnisses, aber nur vor den Augen der reinen Theorie» (S. 61). Platonisch könnte man hier das fünfte Element des Siebten Briefes – d.h. den Versuch, das Unsagbare als allgegenwärtige Präsenz jedes ersten Diskurses zu betrachten – hinziehen.
Was wir uns zu erreichen wünschen, ist der Anfang. Wenn wir uns an ihn wenden, müssen wir aber immer wieder feststellen, dass der Anfang schon ein Ergebnis ist. Wie kann man diesen sich entziehenden Ursprung sagen? Kant entschied, eine deutliche Grenze zu ziehen. Die Kantische Entscheidung trotz jeder Anerkennung eines uns umgebenden Unermesslichen wirkt jedoch wie eine Aufhebung des Anfangs. Es ist wie in den Landschaften von Caspar David Friedrich: man steht auf Festland und aus diesem festen Ort schaut man auf da Unermessliche, das uns umgibt. Cacciari genügt diese Lösung nicht, aber auch nicht die von Hegel, der den unfassbaren Anfang mit dem Anfangenden, mit dem Subjekt, ersetzt. Viel besser Schelling, der den Anfang als absolute Indifferenz beschreibt, und ihn nicht als Grund, sondern als Un-grund beschreibt. So wird die entscheidende Voraussetzung geschaffen, den Begriff Anfang adäquat zu verstehen. Diese Position bleibt jedoch für Cacciari in einer kausalen Tradition befangen, als ob das Sein von einem indifferenten Un-grund zu entstehen hätte. Man sollte eher den Anfang als eine Urmöglichkeit verstehen, in der das Mögliche auch die Möglichkeit nicht zu sein enthält. Diese neutrale Indifferenz, genau in dem Sinne der ersten vernachlässigten Option des Parmenides, schließt gleichzeitig die Anerkennung der absoluten Unterscheidung des Anfangs vom Sein ein.
Wie man sieht, rechnet hier Cacciari mit der gesamten philosophischen Tradition ab. Er begnügt sich aber nicht damit, sondern wendet sich kritisch an die christliche Theologie. Deus Trinitas könnte in der Tat als Alternative zu einem Deus Esse gelten (S. 77). Voraussetzung dafür ist aber, den reinen Anfang als «Indifferente Mitmöglichkeit» (S. 20), als Hintergrund und Horizont des trinitarischen Denkens zu verstehen (S. 88). Weder die Schöpfung noch die Apokalypse lassen sich dann als gutes Ende, als Komödie, betrachten. Beide bleiben tragisch offen zu jedem Ergebnis. Sie geschehen, weil das Licht Gottes sich sehen will. Gott kann aber sich nicht sehen. Sein Licht ist seine Finsternis. Und der Mensch ist Folge des Sich-als-Finsternis-Wissens Gottes. Eine tragische Schöpfung, wie tragisch die Apokalypse selbst sein kann. Cum venerit filius hominis, putas inveniet fidem in terra? (S. 99). Die letzte Offenbarung, die Apokalypse, kann auch die Form des Nichts annehmen.
Die zwei anderen Bücher der Trilogie von Cacciari, Della cosa ultima und Il labirinto filosofico, enthalten eine weitere Vertiefung des Begriffs Anfang. De Candia behandelt sie ausführlich im Kapitel IV und V. Aus Platzmangel erlaube ich mir nur kurz und mit besonderer Referenz auf Il labirinto darüber zu berichten.
Zwei Aspekte verdienen, erwähnt zu werden. Mit einer scharfsinnigen Deutung Aristoteles gelingt Cacciari, die ontologische Differenz nicht zwischen ens und esse, sondern als eine dem Seienden immanente Differenz, zwischen einer ousia als to ti en einai und einer ousia als to on zu verorten, mit dem für ihn wichtigen Ergebnis das gegenwärtige Dasein des to on ausschließlich in der Herkunft eines Präteritums – man könnte sagen eines Ursprungs, dessen Aktualität, sich nur in der Form eines Vergangenes ausdrücken lässt – zu denken (S. 150).
Der zweite wichtige Punkt, der sogar in einer gewissen Spannung zu den bis hier erreichten Ergebnissen steht, wie De Candia zu recht betont (S. 165) ist die transzendentale Identifizierung des Eines mit dem Guten. Diese Identifizierung lässt eine positive Wende der Möglichkeit vermuten, die nur schwer mit dem bis jetzt betonten Motiv der Indifferenz vereinbar ist. Der spiralförmige Gang eines Labyrinthes entspricht vollkommen der diaporetischen Methode Cacciaris – eine Strategie, die eine Dialektik ohne Schluss bevorzugt –, er lässt aber doch an einen offenen Raum vor dem Eingang des Labyrinthes und auch an einen möglichen Ausgang denken (S. 172).
Die politischen Werke Cacciaris geben jedoch kaum Anlass zu einer solchen Hoffnung. Die Krise des homo democraticus ist so weit fortgeschritten, dass nur der untergehende Mensch «mit dem (philosophischen) Bewusstsein von der Unerreichbarkeit des Guten, der Wahrheit, der Einheit fähig sein wird, die gefährliche Idee eines Europas als totale Individualität aufzugeben» (S. 188). Ein Europa als Archipel, d.h. eine Gemeinschaft ohne Einheit (S. 187), ein «Einander-Gehören zwischen völlig Verschiedenen, Untrennbar-nie Verbundenen» ist das einzige, minimale Projekt. Es sieht so aus, wir können unseren Untergang nicht abwenden, sondern nur verschieben (s. das zur Mode gewordene Thema des katechon). Uns bleibt nur, wie seine letzten Werken über den Humanismus bestätigen, die humanistische Tugend der inquisitio (die im 2015 Cacciari gewidmete Festschrift trägt den bedeutenden Titel Inquieto pensare, unruhiges Denken).
Ich habe versucht so kurz wie möglich und so treu wie ich konnte, die ersten 200 Seiten dieses Buches zusammenzufassen, mit der Hoffnung dem Leser einen Einblick in das sehr komplexe Werk von Cacciari zu ermöglichen. Die scharfsinnigen Bemerkungen, die enorme Tiefe und Breite der Themen und der philosophischen Referenzen, die spekulative Kraft eines Denkers, der noch einmal in der Moderne den metaphysischen Gang wagt, konnte ich nur andeuten. Cacciari, der über eine sichere Kenntnis von Kant, Hegel und Schelling verfügt, verlässt dabei den klassischen idealistischen Weg aber schlägt gleichzeitig keinen irrationalistischen, dekonstruktivistischen oder realistischen (im Sinn vom neuen Realismus) Umweg ein.
Die sichere Hand von De Candia, der sich genau so gut wie Cacciari in allen diesen philosophischen Bereichen auskennt, führt uns über eine einfache Darstellung seiner Philosophie hinaus. In der Tat zweiter und dritter Teil dieser Studie übersteigen deutlich eine historiographische Forschung. Sie zeichnen eine ausgereifte Kritik der Philosophie Cacciaris ab und entwerfen eine eigene philosophische und theologische Perspektive.
Der erste kritische Bereich betrifft die logische Struktur der Philosophie Cacciaris. Ihm muss das Verdienst zuerkannt werden, durch seine Diaporetik «eine fruchtbare Alternative zur Ontotheologie vorgeschlagen zu haben» (S. 215). Seine Wiederaufnahme der sokratisch-platonischen Tradition verstößt jedoch letzten Endes gegen ihre eigene Methode, in dem Moment in dem Cacciari dem Anfang einen Name gibt und ihn als «indifferentes All-Mögliches» nennt (S. 216). Dadurch gelingt es der Methode zu einem Inhalt zu kommen, der ihr unaussprechlich hätte bleiben sollen. In Anbetracht der vielen religiösen Entlehnungen bei Cacciari ist es – fügen wir hinzu –, als ob man über einen Gott zu reden wolle, den man unaussprechlich deklariert hat und über dessen Existenz man keine Stellungnahme nehmen will. Die Philosophie Cacciaris, kritisch und aporetisch wie sie ist, scheint doch die Überheblichkeit einer dritten Perspektive zu besitzen, die stillschweigend die ganze Diaporetik bestimmt. De Candia schreibt: «Cacciari versichert also, das unverzichtbare Streben menschlicher Freiheit nach dem Unbedingten anzuerkennen, behauptet aber zugleich, dass seine Erfüllung undenkbar bleibe. Seine ganze Metaphysik dreht sich um diese Antinomie, ohne dass er sie lösen könnte (oder wollte)» (S. 245).
Wenn man die Sprache von Schelling anwendet, bleibt die Philosophie Cacciaris eine negative Philosophie, unglücklich über die Unmöglichkeit, ihren eigenen Grund festzulegen, aber doch zufrieden genug, diese Unmöglichkeit als Voraussetzung ihres Denkens zu halten (S. 251). Anders wäre es, laut De Candia, wenn wir, aus der christlichen Theologie schöpfend (Duns Scoto in primis), dem Anfang den Namen Freiheit anerkennen würden (nicht den Titel dieses Buches vergessen: Der Anfang als Freiheit, Titel der eine Auseinandersetzung birgt!). Selbstverständlich ist die Freiheit nicht beweisbar. Sie wird nur ex posterfahren; sie übersteigt sogar jeden Vorgriff der Vernunft. Sie bietet jedoch für die Vernunft die einzig mögliche Denkweise, den Anfang darzustellen (S. 257).
Eine Theologie der anfänglichen Freiheit Gottes ermöglicht, die Welt und die Freiheit des Menschen in einer Form zu verstehen, die sowohl den Nezessitarismus als auch den reinen Kontingentismus ausschließt. Welt und Mensch sind nicht Konsequenz einer inneren Notwendigkeit Gottes; sie sind aber auch nicht Zufall, sondern stellen ein Muster von Kommunikationsbegriff dar (S. 321). Die Freiheit sucht nach Freiheit. Aus diesem Ursprung der Freiheit entsteht die Freiheit der Welt und des Menschen, wie aus einer Frage eine Antwort entsteht. Die Antwort bleibt aber offen und frei. Und, wie De Candia schreibt, das Eschaton ist die endgültige Vollendung der gottmenschlichen Freiheit (S. 332). Die Möglichkeit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, ist und bleibt offen. Der ganze Vorgang ist keine Komödie, mit einem unvermeidlichen happy end, er ist aber auch keine Tragödie, jedoch ein Ernstfall, der eine andere Bedeutung dem Satz von Cacciari verleiht (und gerade mit diesen Worten endet De Candia sein Buch): «Wird der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben finden?» (S. 333).
Die Schranken einer Rezension und die Achtung vor der schon strapazierten Geduld des Lesers erlauben mir keine weiteren Angaben. Das Buch ermöglicht dem aufmerksamen Leser eine kluge Einsicht in das Denken eines in Deutschland wenig bekannten Philosophen. Gleichzeitig kann man durch die Fülle der Referenzen einen Einblick in das italienische philosophische und theologische Panorama gewinnen. Durch die Vergleiche mit den viel bekannteren Namen der Deutschen Kultur wird man schnell merken, dass die italienische Provinz auf Augenhöhe mit der gegenwärtigen philosophisch-theologischen Debatte von Deutschland und Frankreich steht und dass sie nur aus sprachlichen Gründen vernachlässigt wird. De Candia leistet einen wichtigen Beitrag für eine Europäisierung der Debatte (unser jetziges Latein, das Englische, ist kaum dazu brauchbar). Indem er die anderen Philosophien nicht als Sprungbrett der Kritik, sondern als Voraussetzung einer Fortsetzung und einer Vertiefung verwendet, stilisiert er sich sogar in aller Bescheidenheit zu Gegenbild von Cacciari. In diesem Unterfangen können Philosophie und Theologie ohne Vermischung und ohne Verwirrung miteinander reden und produktiv voneinander lernen.
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Ugo Perone, in: Schelling-Studien. Internationale Zeitschrift zur klassischen deutschen Philosophie, Band 8, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2020, 267-271.
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Deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ist der 1944 geborene Massimo Cacciari vielleicht noch als Bürgermeister von Venedig bekannt. Der Professor für philosophische Ästhetik regierte die Lagunenmetropole von 1993 bis 2000 und nochmals von 2005 bis 2010. Das umfangreiche wissenschaftliche Schaffen des im Feuilleton der F.A.Z. einmal als „kauziger Lagunendenker“ apostrophierten Cacciari ist dagegen - auch wegen weitgehend fehlender Übersetzungen seiner zentralen Werke - im deutschen Sprachraum bisher kaum rezipiert worden. Nachdem bereits 2016 Isabella Guanzinis vergleichende Studie zu Cacciari und Hans Urs von Balthasar in deutscher Übersetzung erschienen war, hat nun Gianluca De Candia die erste ausführliche wissenschaftliche Monographie in deutscher Sprache vorgelegt, die das Denken Cacciaris systematisch erschließen möchte. 2017 wurde sie als Habilitationsschrift an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommen.
Nach einer kurzen Einleitung zur Methodik der Untersuchung (17-31) widmet sich ihr umfangreicher erster Teil (33-199) einem Durchgang durch Cacciaris Hauptwerke. Der frühe, 1976 erschienene Essay „Krisis“ markiere den Beginn seiner kritischen Auseinandersetzung mit einem in der Tradition des Idealismus verstandenen Vernunftbegriff. Ausgehend von diesem Essay stellt der Verf. Cacciaris Beschäftigung mit alternativen philosophischen Entwürfen des 19. und 20. Jahrhunderts dar, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Analyse jüdisch geprägter Denker wie Ludwig Wittgenstein und Franz Rosenzweig liegt. Im Zentrum des ersten Teils steht dann die Auseinandersetzung mit den vom Verf. als Trilogie oder Triptychon verstandenen Werken „Dell’Inizio“, „Della cosa ultima“ und „Labirinto filosofico“, die zwischen 1990 und 2014 erschienen sind. Alle drei Werke seien von einem Pathos des absoluten Anfangs geprägt, das sie in protologischer und eschatologischer Perspektive sowie in Nähe und Abgrenzung zu so unterschiedlichen Philosophen wie den Neuplatonikern, Aristoteles, Kant, Hegel und Schelling aber auch zu theologischen Denkfiguren wie der Wesensgleichheit der drei göttlichen Personen entfalteten. Cacciari verstehe den Anfang als „indifferente All-Mitmöglichkeit“ (20), aus der sich zahllose Diffenzierungen, aber auch Aporien ergäben. Seine philosophische Methode bestimmt der Verf. als Diaporetik: „Ein Denken, das zwischen den Aporien gräbt und sich dabei asymptotisch an das annähert, was aus dem Auseinandertreiben von Gegensätzen entsteht, ohne sie je zu lösen“ (171). Den Abschluss des ersten Teils bildet ein kurzes Kapitel zu Cacciaris politischen Schriften, in denen er seine philosophischen Überzeugungen und Erkenntnisse auf die Idee der europäischen Einigung anwende, die er als „Gemeinschaft von Nie-vereinten-Untrennbaren“ (202) verstehe.
Dem Verf. gelingt es in diesem ersten, darstellenden Teil seiner Untersuchung, sich inhaltlich stets auf der Höhe der anspruchsvollen Primärtexte zu bewegen, die aus tiefer Kenntnis der abendländischen Philosophie-, Theologie- und Kulturgeschichte schöpfen, Metaphern prägen und ungewohnte und zuweilen überraschende Gedanken formulieren. Gleichzeitig vermeidet er, Cacciaris Texte in ein allzu starres Schema zu pressen, sondern findet einen angemessenen Weg, den zeitlich weit auseinanderliegenden und stilistisch sehr disparaten Publikationen gerecht zu werden und dennoch die innere Dynamik dieses besonderen Denkweges nachzuzeichnen.
Ein knapper zweiter Teil (203-257) wagt einen kritischen Blick auf die Voraussetzungen und Ergebnisse von Cacciaris diaporetischer Methode. Der Verf. arbeitet dabei die Spannungen heraus, die sich in logischer, erkenntnistheoretischer und theologischer Hinsicht formulieren lassen. So weist er zum Beispiel auf die Problematik hin, im Rahmen einer streng verstandenen Diaporetik dem Anfang überhaupt einen Namen zu geben und damit „gegen seine eigene Methode [zu verstoßen]“ (215). Für die theologische Einschätzung sind vor allem die Gedanken zum Gottesbegriff Cacciaris relevant, für den Gott „nicht mehr ipso facto das Anfangende sein muss“ (253). Diese Auffassung von einer absoluten Freiheit Gottes, die auch die Möglichkeit seines Nicht-mehr-Seins beinhalte, stelle die Freiheit des Menschen unter den Vorbehalt göttlicher Willkür, insoweit seine freien Handlungen „auf ewig unerfüllt oder nie dagewesen sein könnten“ (ebd.).
Seinen eigenen Ansatz, der „eine Alternative zur Interpretation Cacciaris“ (257) bieten will, stellt der Verf. selbstbewusst im dritten Teil seiner Untersuchung (259-333) vor. Beim Nachdenken über den Anfang, den Cacciari als freie Kausalität verstehe, zeige sich die gegenseitige Verwiesenheit von Philosophie und Theologie, „da jede für sich Vorteil aus dem von der Schwester-Disziplin herkommenden Licht ziehen kann und so ihr eigenes Vermögen ermisst wie auch ihre eigenen Grenzen erfährt“ (255). Besonders fruchtbar für diesen philosophisch-theologischen Dialog sind sechs Thesen, die abschließend vor dem Hintergrund der Schöpfungstheologie von Duns Scotus entfaltet werden. Diese biete die Gelegenheit, die absolute Freiheit Gottes zu garantieren und sie gleichzeitig als Voraussetzung für die von seiner Liebe ermöglichte Freiheit des Menschen zu denken. Während die erste These ein sehr grundsätzliches Problem philosophischen Denkens benennt, wenn sie darauf hinweist, dass „jedem gedachten Anfang […] ein schon Angefangenes voraus[gehe]“ (319), führt etwa die fünfte These in den inneren Kern theologischen Denkens: „In der Person Christi nimmt die göttliche Freiheit die Form der Freiheitswahl an“ (329). Ausgehend vom chalzedonischen Dogma wird der freie Wille Jesu als menschliche, von der göttlichen Natur zwar berührte und geprägte, aber nicht genötigte „bedingte Form einer unbedingten Freiheit“ (330) bestimmt. Die sechs Thesen differenzieren und reflektieren den „Anfang als Freiheit“ aus protologischer, trinitarischer, christologischer und eschatologischer Perspektive. Auf diese Weise gelingt es dem Verf. jenseits einer bloß kritischen Auseinandersetzung, anschließend an Cacciari dessen Gedanken wirklich theologisch weiterzuentwickeln.
Das Verdienst der vorliegenden Untersuchung ist zweifellos, den „spekulativen Virtuosen“ (40) Massimo Cacciari einer breiten akademischen Leserschaft vorzustellen und zu erschließen. Die besondere Faszination dieses in mehrfachem Sinne außergewöhnlichen zeitgenössischen Denkers, der seine Quellen vor allem in der deutschsprachigen Philosophie und Literatur gefunden hat, offenbart sich gleichwohl nur bei der Lektüre seines facettenreichen Werkes selbst. Vor allem dessen sprachliche Fülle, die Vielfalt an literarischen Formen, an Sentenzen und Metaphern kann in der sekundären Betrachtung nur ansatzweise vermittelt werden. Dennoch lässt De Candias Arbeit über ihren unmittelbaren Gegenstand hinaus auch etwas vom Reichtum und der Vielschichtigkeit der gegenwärtigen intellektuellen Landschaft Italiens erahnen. Sicherlich wegen der sprachlichen Barriere, möglicherweise aber auch wegen einer gewissen Kurzsichtigkeit der deutschsprachigen Philosophie und Theologie, die es einfach gewohnt ist, eher in den französischen und anglo-amerikanischen Sprachraum zu blicken, sind spannende und inspirierende Autoren wie Massimo Cacciari, Piero Coda, Bruno Forte, Emanuele Severino oder Vincenzo Vitiello hierzulande praktisch unbekannt. Zu Unrecht!
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Stephan Lüttich, in: PhTh 95 (2020), 449f.
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Der Glaube im Denken
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Eine Philosophiegeschichte
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Glaube und Religion in der Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart
In der Philosophie haben Glaube und Religion schon immer eine zentrale Position eingenommen. Wie entscheidend aber Religion für die großen Denker der Philosophiegeschichte war und ist und wie wichtig umgekehrt die verschiedenen Denkansätze für die Religionen waren und sind, gerät heute immer mehr in Vergessenheit. Im vorliegenden Buch werden große Philosophinnen und Philosophen im Horizont ihres Religionsdenkens vorgestellt und auf ihre Aktualität hin befragt. Eingeführt werden sie dabei von einschlägigen Expertinnen und Experten aus Philosophie und Theologie. Die Herausgeber legen die überarbeitete und erweiterte Fassung eines bereits etablierten Studienbuchs für ein breites Publikum vor und liefern damit ein religionsphilosophisches Handbuch, das in der Verschiedenheit philosophischen Verstehens der Religion die Möglichkeiten eines positiven Zueinanders von Glaube und Vernunft neu entdeckt.
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Mit einem Beitrag von Gianluca De Candia:
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Das „schwache Denken“ als Ontologie dessen, was geschieht (zu Gianni Vattimo und Giorgio Agamben). In: Der Glaube im Denken, hrsg. von M. Breul und A. Langenfeld, Herder Verlag 2023, 411-419.
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Einheit und Vielheit metaphysischen Denkens
Festschrift für Thomas Leinkauf
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Einheit und Vielheit sind nicht nur zentrale Themen metaphysischen Denkens, sondern kommen auch in dessen geschichtlicher Realisierung zum Ausdruck. So verwirklicht sich die Metaphysik auch historisch in einer Spannung von Einheit und Vielheit. Besonders gut erkennen lässt sich diese Dynamik an der Entfaltung des antiken Platonismus und an der mittelalterlichen Rezeption antiker Vorlagen. Und auch mit dem Übergang zum neuzeitlichen Denken setzt sie sich, wie es die Philosophien von Leibniz und dem Idealismus exemplarisch anzeigen, in aller Komplexität fort. Mit dem Übergang in die Moderne und Postmoderne wird schließlich die Problematik eines Zugriffs auf metaphysische Grundfragen unter postmetaphysischen Bedingungen virulent. Die Beiträge dieses Bandes (von Niko Strobach, Franco Ferrari, Filip Karfik, Peter Nickl, Laura E. Herrera Castillo, Nikolaus Egel, Wilhelm Schmidt-Biggemann, Lucia Oliveri, Gianluca De Candia, Stefan Lorenz, Arnaud Pelletier, Walter Mesch, Michael Städtler und Christian Thein) gehen den damit verbundenen Fragestellungen und Problemen nach, indem sie auf Autoren, Schriften und Konzeptionen rekurrieren, die auch die Achse des Werkes von Thomas Leinkauf bilden.
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Mit einem Beitrag von Gianluca De Candia:
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,,Le pays des realités possibles“: Possibile logicum bei Duns Scotus und G.W. Leibniz. In: Einheit und Vielheit metaphysischen Denkens, hrg. von Michael Städtler, Christian Thein, Walter Mesch, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2022, 162-180.
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Die Existenzphilosophie und Karl Jaspers.
von Luigi Pareyson
Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Giovanni-Battista Demarta. Mit einem Geleitwort von Gianluca De Candia.
Wenn sie nicht nur mit den verschwommenen Linsen gelesen werden, die angesichts des neuesten Standes der Forschung nur eine veraltete und anachronistisch übersetzte Monographie über Jaspers sehen lassen, dann verströmen die philosophischen Anfänge eines der wichtigsten italienischen Denker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts all ihre unbequeme Aktualität. Die Auseinandersetzung mit dem Philosophen aus Oldenburg hängt am seidenen Faden einer – im Denken Pareysons nie verleugneten – Verteidigung der Gründe der existentialistischen Bewegung, in deren Namen sie mit einem Abschied vom zentralen Gesprächpartner schließt. Ihr Nachtrag aus der ersten Nachkriegszeit schärft das heute seltene Gespür für eine damals anbrechende philosophische Restauration, die am Beispiel Jaspers’ die letzten großen und rätselhaften Denkerfahrungen in Europa nach Hegel in eine ungestörte philosophische Tätigkeit ›ergänzt‹ hat, so dass der Leitfaden einer allgemeinen und unbewältigten ›Rehegelianisierung‹ den Anlass zu einer noch ungeschriebenen Gegengeschichte der deutschen Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg bietet.
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Ästhetik.
Theorie der Formativität
von Luigi Pareyson
Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Giovanni-Battista Demarta. Mit einem Geleitwort von Gianluca De Candia und einem Begleitaufsatz von Umberto Eco
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Die Verspätung, mit der dieser Klassiker aus dem zeitgenössischen italienischen Denken im Bereich der Ästhetik nun zum deutschsprachigen Publikum kommt, wird nicht erst durch die rückblickende Vorstellung der idealistischen Stagnation aufgeholt, in die aus einer Randlage der modernen Philosophie der schwere Stein dieser Theorie der Formativität geworfen wurde, die im Gefolge des homo formans die geschlossene Sphäre des Künstlerischen sprengte.
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