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„Italien ist die Probebühne Europas“ (in: Frankfurter Rundschau und Kölner Stadtanzeiger)

  • 20 ago 2019
  • Tempo di lettura: 4 min

Herr De Candia, die Politik in Italien macht den Eindruck, dass sich Populisten von Rechts und Links den Staat zur Beute gemacht haben. Gibt es eigentlich noch das andere Italien?

Von Deutschland aus gesehen, wirkt Politik in Italien wie eine Art Operette. Erst gründet ein politischer Pinocchio, Beppe Grillo, eine Bewegung namens Fünf Sterne, die zur stärksten politischen Kraft wird. Dann kommt ein Möchtegern-Adonis, Matteo Salvini, daher und streut den Italienern an den Mittelmeer-Stränden Sand in die Augen. Meine Landsleute neigen zur Selbstironie und nehmen solche Phänomene vielleicht leichter als andere Nationen.

Alles nur Operette: Matteo Salvini (vorne) in der italienischen Abgeordnetenkammer

Nicht im Geringsten. Es erklärt nur, wieso Italien immer wieder zu einer Art Probebühne werden konnte für Dramen, die später auch anderswo aufgeführt wurden. Schon der Faschismus Benito Mussolinis war ein Vorspiel für die Nazis in Hitler-Deutschland. Die Lega Nord wurde zum Vorläufer für die AfD, Silvio Berlusconi zum Vorbild für die Volkstribunen unserer Tage. Insofern könnte auch der italienische Populismus heute emblematisch sein für die große Krise der repräsentativen Demokratie in ganz Europa. Zum Glück gibt es in Italien noch die Stimmen, die davor warnen, dass sich die politische Operette zu einem Drama auswächst mit bedrohlichen Folgen für die Menschen.

An wessen Stimme denken Sie?

Vor allem an Massimo Cacciari, den vielleicht wichtigsten linken Philosophen Italiens der Gegenwart. Der heute 75-Jährige war viele Jahre in der Politik, war Bürgermeister Venedigs und Abgeordneter im Europäischen Parlament. Das ist ungefähr so, als hätte in Deutschland Jürgen Habermas eine Stadt wie Frankfurt oder Köln regiert. Gegenwärtig greift er immer wieder in die politische Debatte ein, zuletzt mit einem viel beachteten Manifest gegen die Zerstörung der repräsentativen Demokratie durch den Populismus und für eine Erneuerung der EU aus dem Ursprungsgeist Europas.

Können Sie die Gestalt Cacciaris kurz skizzieren?

Cacciari ist ein Phänomen: Er war ein Linksradikaler, der nach dem Tod Enrico Berlinguers aus der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) austrat und fortan die kritische Stimme der italienischen Linken geblieben ist. Er ist ein dezidierter Agnostiker mit besten Beziehungen zu großen katholischen Intellektuellen – ein Grenzgänger, der aus der Philosophie der Aufklärung ebenso schöpft wie aus der christlich-abendländlichen Tradition. Aus der Verbindung von beidem leitet er Vorschläge für die Zukunftsfähigkeit Europas ab.

Wie sehen diese Vorschläge aus?

Sie beruhen auf Cacciaris Diagnose einer Krise der Vernunft und eines Vernunft-Konzepts, nach dem sich jede kleine Ordnung auf eine höhere, unveränderliche Über-Ordnung beziehen lassen muss. Dieses Ordnungsgefüge der Vernunft wurde schon von Schopenhauer und Nietzsche, mit deren Denken Cacciari bestens vertraut ist, erschüttert. Und diese Erschütterung hat heute auf der politischen Ebene auch die Idee der repräsentativen Demokratie erfasst. Sie lebt nämlich – im Unterschied zur direkten Demokratie – wesentlich vom Vertrauen auf vermittelnde Instanzen. Deren Legitimität aber wird durch den Populismus torpediert. Cacciari beschreibt aber noch ein weiteres Problem.

Nämlich?

Die repräsentative Demokratie im heutigen Verständnis ist gleichbedeutend mit liberaler, freiheitlicher Demokratie. Damit trägt sie aber den Keim der Selbstzerstörung in sich: Sie verspricht etwas, die Freiheit der individuellen Entfaltung, was sie am Ende nicht halten kann. Der Individualismus ist die Erfüllung der Demokratie, aber auch ihre Zerstörung. Der demokratische Mensch will zu vieles und zu viel Widersprüchliches: umfassende Freiheit und umfassende soziale Sicherheit. Das geht am Ende nicht mehr zusammen.

Was ist die Folge?

Die Menschen verlieren das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen, die von eben diesem Vertrauen leben.

Was setzt Cacciari dagegen?

Es wird Sie vielleicht überraschen, dass ein ausgewiesener Linker wie er im Christentum einen Gegenentwurf zum Populismus und ein Sinn-Reservoir für die Gestaltung der Zukunft sieht. Das Christentum und namentlich die katholische Kirche, sagt Cacciari, bewahren das Wissen um die Differenz des Zeitlichen und des Ewigen, des Irdischen und des Himmlischen. Politik ist keine Heilsbringerin, sondern Verwalterin der Kontingenz. Angela Merkel, glaube ich, war und ist sich dessen sehr bewusst.

Die Zukunft Europas …

… fasst Cacciari ins Bild des „Archipels“: Europa als ein Miteinander verschiedener Inseln in einem Meer, das zugleich verbindet und trennt; Europa als eine Gemeinschaft ohne feste Einheit. Die Inseln dieses Archipels laufen heute Gefahr, sich entweder eigenmächtig zu hierarchischen Zentren aufzuschwingen oder sich in unverbundene, unwirtliche Zellen, unfähig, das andere und das Fremde noch zuzulassen oder aufzunehmen. Die Überwindung dieser doppelten Gefährdung macht in Cacciaris Sicht die ungeheure Verantwortung aus, vor der Europa heute steht. Es fehlt ein Statut freier Gastlichkeit und Gastfreundschaft, in der wir selbst immer zugleich Gast und Gastgeber sind. Freiheit bedeutet für Cacciari nicht einfach nur, dass der Mensch eine freie Wahl treffen oder frei entscheiden kann. Freiheit bedeutet einem tieferen Sinne, etwas anfangen zu können mit sich selbst, mit dem anderen, der Welt und mit Gott; mit Großem, das wir empfangen und verehren – und dem scheinbar Kleinen, das doch so viel Größe in sich trägt. Das macht das Pathos von Cacciaris Denken aus.

ZUR PERSON

Gianluca De Candia, geboren 1983, stammt aus dem italienischen Bari. Seit 2013 lebt der Theologe und Philosoph in Deutschland. Zurzeit vertritt er die Professur für Systematische Theologie am Seminar für Katholische Theologie der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen. Von De Candia ist bei Karl Alber in Freiburg die erste umfassende deutschsprachige Monographie über die Philosophie Massimo Cacciaris erschienen: „Der Anfang als Freiheit. Der Denkweg von Massimo Cacciari im Spannungsfeld von Philosophie und Theologie“. (jf)

https://www.ksta.de/kultur/-italien-ist-die-probebuehne-europas--33047088


 
 
 

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